Ein Auto wie eine Rakete - echt super !

Der Supersonica von Ghia

von Gerald M. Ch. BERWID 

Super - dieses Modewort hat schon in den fünfziger Jahren seine Karriere begonnen. Besonders im automobilen Bereich war dieser Zusatz zur Modellbezeichnung oder zur Ausstattungsvariante populär. Alfa Romeo 1900 Super oder Pininfarinas Superflow-Prototypen - ich berichtete im letzten Feature - seien hier als Beispiele genannt. Diesmal möchte ich mich dem Supersonica von Ghia widmen. Supersonic - Überschall - war wohl der richtige Name in einer Zeit als automobiles Design stark von Flugzeugen und Raketen geprägt wurde. Glaskanzeln, Flügel, Flossen, düsenförmige Öffnungen waren nur einige Stilelemente, die immer wieder in Prototypen - allen voran bei den Amerikanern - Verwendung fanden. Carozzeria Ghia war durch die Zusammenarbeit mit Chrysler und deren exzentrischen Chefdesigner Virgil Exner natürlich bei diesem Trend an vorderster Front. Und so entstand 1953 die Supersonica-Linie: neunzehn Fahrzeuge mit ähnlicher Linie - ein Alfa Romeo, vierzehn Fiat, ein DeSoto, zwei Jaguar und ein Aston Martin.


Conrero Alfa Romeo 1900

Der erste Supersonica, der die Welt erblickte, war gleich der Alfa Romeo. Das stimmt aber nur zum Teil - eigentlich war nur der Motor von Alfa. Ghias Chefdesigner Giovanni Savonuzzi, der vorher bei Cisitalia gearbeitet hatte, baute einen eigenen Rohrrahmen, der mit einer Fiat 1400 Vorderachse und einer Hinterachse aus dem Lancia Aurelia ausgestattet war. Die Karrosserie war geprägt durch eine lange Motorhaube und ein kleines "Glashaus" mit nach hinten abfallender Dachlinie und grossem Heckfenster. Die Vorderfront hatte eine ovale Öffnung ohne das typische Alfa-Herz, aber auch ohne Stossstangen. Die Seitenlinie wurde durch eine "Augenbraue" über den Radausschnitten, wie sie später auch bei Mercedes 300 SL oder der Giulietta SS auftauchte, gegliedert. In diese Augenbraue war hinter dem Vorderrad ein kleiner Lufteinlass integriert. Hinten lief die lange, gestreckte Form in zwei düsenförmige Öffnungen aus - die Heckleuchten. Auf diese "Düsen" waren kleine Flossen aufgesetzt - ein Stilelement das Savonuzzi schon beim Cisitalia verwendete. Zusammen ergab das wohl den Eindruck einer Rakete auf Rädern - eben Supersonica. Und das alles im Jahr 1953 !

 



Der Motor stammte aus dem Alfa Romeo 1900 wurde aber von Virgilio Conrero überarbeitet. Conrero war ein "alter Bekannter" von Savonuzzi aus seiner Cisitalia-Zeit und hatte in der Zwischenzeit seine eigene Tuning-Firma eröffnet. Es war dies eine der ersten Arbeiten von Conrero auf einem Alfa Motor - er sollte ja später durch die leistungsgesteigerten Giuliettas Ruhm erlangen. Der Motor für den Supersonica leistete mit vier Dell'Orto Vergasern und höherer Verdichtung 130 PS bei 6400 Upm. Mit dem geringen Gewicht von 800 kg erreichte er 225 km/h. Gebaut wurde das Ganze für den Schweizer Robert Fehlmann, der mit diesem Fahrzeug bei der Mille Miglia am 25.April 1953 mit der Nummer 453 und Beifahrer G. Vuille an den Start ging. In den Starterlisten scheint der Name Conrero-Alfa Romeo 1900 auf - in der Literatur kann man aber auch Conrero 2000, oder 1900 Supersonica finden. Erfolgreich war der Einsatz auf jeden Fall nicht - Ausfall. 

Was nun mit Fahrzeug weiter passierte stellt ein grosses Fragezeichen dar. Die meisten Quellen berichten, dass kurz danach das Fahrzeug bei einem Autounfall in der Schweiz einem Brand zum Opfer fiel. Andererseits steht Fehlmann/Gillieron bei der Mille Miglia am 1.Mai 1954 mit der Startnummer 511 wieder in den Starterlisten (Ausfall). Auch der Wiederaufbau dieses Fahrgestell mit einer neuen Karrosserie und der Start bei der Mille Miglia 2000 ist zu lesen. Fest steht jedenfalls, dass es nur ein einziges Exemplar eines Alfa mit Supersonica Karosserie gegeben hat.


Conrero Alfa Romeo 1900

Die Karosserielinie scheint aber dennoch Gefallen gefunden zu haben, denn schon wenig später enstand auf dem Fiat 8V Chassis eine Kleinserie von vierzehn Fahrzeugen (Chassisnummern 35 bis 41, 43, 44,49, 53 bis 56). Präsentiert wurde der Fiat 8V Supersonica am Ghia Stand beim Autosalon von Paris im Jahr 1953. Der Fiat 8V wurde 1952 vorgestellt und war das Lieblingsprojekt von Fiats Chefdesigner Dante Giacosa. Er ist als reines Prestigeprojekt zu sehen - nur 114 Exemplare wurden erzeugt. Angetrieben wurde er durch einen V8-Motor mit 1996ccm Hubraum. Er leistete 105 PS bei 6000 U/min was für 190 km/h ausreichte. Die Chassis wurden bei Siata gebaut, die Karrosserien von Fiat selbst, Zagato, Vignale und eben Ghia. Die Proportionen der Supersonica Karosserie wurden perfekt auf das Fiat Fahrgestell übertragen und gab dem Fahrzeug ein sportlich, elegantes Aussehen.


Fiat 8V Supersonica

Der spektakulärste Supersonica war bei der Motorama 1954 zu bewundern. Das lag wohl daran, dass es sich um ein amerikanisches "Dreamcar" handelte: den DeSoto Adventurer II. Ghia baute ja fast alle Dreamcars der Chrysler Coporation. So war es auch kein Wunder, dass ein DeSoto mit der Supersonica Karrosserie ausgestattet wurde. Sie präsentierte sich hier extrem lang, mit enomen Überhängen vorne und hinten, viel Chrom (Kühlergrill und Heckleuchten) und einer Plexiglas-Heckscheibe, die sich elektrisch in den Kofferraum versenken ließ. In der langen Motorhaube fand der Chrysler Firepower Hemi V8 4.5l-Motor ausreichend Platz. Der erste Besitzer war übrigens der König von Marokko, der allerdings bald den Gefallen daran verlor. Das Fahrzeug gelangte wieder in die USA und ist heute in der Blackhawk Collection ausgestellt.


DeSoto  Adventurer II

Ebenfalls 1954 wurde der Jaguar XK120 Supersonica in Paris vorgestellt und gewann beim Concours d'Elégance in Montreux des gleichen Jahres den ersten Preis. Gebaut wurden zwei Exemplare, die mit dem 3.4 Liter Motor 200 km/h erreichten. Zumindest einer davon überlebte bis heute.


Jaguar XK120

Der Nachzügler der Supersonica Baureihe ist der Aston Martin DB 2/4 MkII. 1956 in Turin der Öffentlichkeit präsentiert hatte er angeblich eine Fiberglas-Karosserie. Vorne und hinten war er mit durchgehenden Stoßstangen ausgerüstet, nachdem bereits der Jaguar über Stoßstangenhörnern unter den Scheinwerfer verfügte. Der Aston Martin ging in den Besitz des englische Rennfahrers Harry Schell über. Auch dieses Fahrzeug hat bis heute in den USA überlebt.

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Aston Martin DB2/4

Das Bemerkenswerte an der Supersonica Baureihe war, dass es Ghia verstand seine Idee auf den verschiedensten Fahrgestellen zu realisieren und dabei gleichzeitig auf die Eigenarten der verschiedenen Marken Rücksicht zu nehmen. Von der Einzelanfertigung des sportlichen Conrero-Alfa Romeo, über den sportlich, eleganten Fiat 8V bis zu einem amerikanischen "Dreamcar" auf Basis DeSoto. Jaguar und Aston Martin hingegen warteten mit dem Charakter eines Gran Turismo auf - die Supersonica-Linie ist aber überall klar ersichtlich. Noch bemerkenswerter am Supersonica ist wohl die Tatsache, dass es bereits mit dem Fiat eine Kleinserie gab, bevor noch der DeSoto als "Dreamcar" erstmals offiziell präsentiert wurde !